Donnerstag, 15. September 2011

Tagebuchauszug einer Forschungsleiterin / Romanprojekt: Stein


Hört ihr den Flüsterton des bescheidenen Rinnsals, wie es über die Kalksteinporen gleitet? Hie und da haften winzige Tropfen an einem flankierenden Flechtengewächs. Daneben thront unauffällig eine schwarzgelbe Malta-Eidechse. Aus gemessener Entfernung beobachte ich mit dem Feldstecher das kleine Reptil, das die Verbindung mit der Erdkruste so selbstverständlich und ohne Zweifel eingeht. Die Echse wiederum besieht aus halb geschlossenen Augen ihren verdampfenden Harn. Danach treibt die sengende Mittagssonne das Tier zurück in einen Felsspalt. Die Eidechsen dieser kargen Insel wachsen mir zunehmend ans Herz. 

Gestern Nacht träumte ich vom satten Ton des Aufpralls reifer Früchte auf den Boden. Sie platzten, öffneten ihr üppiges Fruchtfleisch, und ich versank in ein tiefes Glücksgefühl dabei. Auf Malta erlebt man, wenn’s hoch kommt, die Ejakulation einer Spritzgurke in Schienbeinhöhe! Das andernorts allgegenwärtige Greifen der Pflanzen in blinde Tiefen wird hier durch ein schwaches, oberflächliches Netz vertreten. Dieses Fehlen einer reichhaltigen Vegetation erzeugt eine Art Leere in mir, weil ich ihr kräftiges Saugen am Fundament vermisse, das Gebot der Pflanzenwelt, ein geheimnisvolles Spiegelbild in die Tiefe zu projizieren. Diese wild durcheinander wachsenden Wurzeln im unentwegten Prozess der Erneuerung, Unterhöhlungen, nachtfarbene Würmer, weiße Larven, die sich dunkles Erdreich teilen. Du faszinierender geliebter Erdboden mit all deinen Verwitterungen und Fossilien, vertikal aufschlüsselbare Bodenhorizonte, die ein Spatenstich zutage fördert! Hier in Malta wäre es wohl notwendig, Stein zu sprengen, um weitere Spuren vergangener Lebewesen zu erreichen, denn die Sedimente aus blauem Ton und Grünsand bergen sicherlich keine Überraschung mehr. Das Innere des Küstenkalks, Reste komprimierter Korallen, diese Quaderlasten mehrerer zehntausend Jahre, werden die Menschen nicht aufbrechen.
Meine Augen wandern die Steilküste hinab ins Meer. Erleichtert aufatmend lasse ich mir meine Sehnsucht nach feuchtem Erdreich von der kühlen Meeresbrise vertreiben. Schwarze Käfer schwirren umher. Ja, das wahre Spektakel spielt sich derzeit an den überfluteten Flanken der Insel ab! Unser Bergungsschiff, die französische Sesame, zeigt sich als Punkt in der Ferne. 
Dort unten liegen sie, die nicht gerade zierlichen Steingeschöpfe. Kulturelles Tiefengestein, geduldig harrt es auf unser Ausscharren. Steinbrust an Steinrücken, Steinfuß an Steinbauch und Steinnacken an Steinschenkel gepresst. Verkeilte Steinkörper in Jahrtausende währendem standby. Wollen sie gehoben werden und ins Rampenlicht treten? 

 Aus der Fülle des kaum bearbeiteten Bruchgesteins waren anfangs nur mit viel Vorstellungskraft irgendwie einleuchtende Befunde, etwa die einst konkave Form einer Exedra, ähnlich der Mnajdras, mit vorgesetzten Bänken zu entnehmen. Darum hatte ich voll Skepsis das so aufwändig eingesetzte Unternehmen im Grunde für einen Atlantisschmäh gehalten. An ein Großereignis mochte ich nie und nimmer glauben. Als jedoch Dr. Garza und einer seiner Berufstaucher den Kopf des ersten Kolosses freigeschaufelt hatten, war mein Interesse jäh entfacht. Eine enthusiastische Kehrtwende bahnte sich im Team an, Entdeckerglück sondergleichen. Und wie sehr mich der Anblick des runden Steingesichtes mit den leicht geöffneten Lippen, dem nach Innen gerichteten Blick berührte! Eindeutig keine Fälschung und kaum Zeichen der Zerstörung. Die flachen Wangen, breite Stirn, kurze Nasenpartie, alles war erstaunlich gut erhalten, von der Strömung nur durch die spezielle Lage im Steinbecken der vorderen Apsis verschont geblieben. 

Während der näheren Erkundung des umliegenden Geländes im zwei Kilometerradius wurden letzte Woche südöstlich der vier Kolosse in Planum C 6-13 zwei abgebrochene Riesenfinger und eine Ferse aufgespürt (vgl. Abbildungen 27 – 33). Der wache ghanaische Taucher hat sie aus dem üppigen Algenbewuchs ragen sehen. 
 
Eine Bergung weiterer in Planum C vermuteter Funde erweist sich als überaus gefahrenreich wegen der hypermobilen Prägung des Grundmaterials. Ein Herantasten unter diesen extremen Bedingungen soll ausschließlich durch Unterwasserpunktgrabung und -sondierschnitt erfolgen. Im Moment gilt es, mobile Stützmauern zu errichten. Der Gefahr, dass die sperrigen Unterwasserbagger Schaden anrichten, ist tatsächlich nur durch erfahrenes Fachpersonal zu entgehen. Mitarbeiter einer Schweizer Unterwasserbaufirma wurden bereits angeheuert.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen